News-Details

Anekdote zur Eigentümerversammlung

Wer eine Wohnung kauft glaubt, er habe es geschafft. Weit gefehlt.

Unter den Situationen, die das Niedrigste der menschlichen Natur in grellstem Lichte zeigen, nimmt die Eigentümerversammlung einen der vorderen Plätze ein. Wer je eine Wohnung gekauft oder sich gar einer Baugruppe angeschlossen hat, weiß von der moralischen Regression Erwachsener und der hohen Kunst der Intrige anschaulich zu berichten.


Das individuelle Entsetzen ist umso größer, als nach dem Kauf das Wichtigste geschafft schien: Die Miterben sind abgefunden, der Bankberater ist zufrieden, so darf man nach der mühevollen Durchquerung des Reiches der Notwendigkeit ins paradiesische Tal der Wunscherfüllung schreiten. Dann aber stellt man fest: Auch andere Menschen gibt es hier. Für die ebenfalls die eigenen vier Wände eine Beglaubigung sind, dass man sozial und finanziell, in Lebensstil und seinen Ansprüchen an Abenteuer oder Idylle, Distinktion oder Gemeinschaftssinn, Kindesliebe oder stiller Eleganz nun endlich ankommen darf. Die Sache ist umso ernster, als der Kauf einer Wohnung, die man selbst bewohnt, in der Regel als einmalig vorgestellt wird. Einen zweiten Versuch können die meisten sich nicht leisten.

So liegen also die Eingeweide der Psyche mit auf dem Versammlungstisch, wenn beschlossen wird, ob die Klingelanlage aus gebürstetem Stahl oder poliertem Messing sein soll und der Treppenlauf aus Tropenholz oder Kunststoff. Und damit haben wir das wirklich Wichtige noch nicht einmal berührt: Sollen auf dem Hof die Fahrradständer oder der Sandkasten mehr Platz bekommen, was ist mit der Genehmigung einer psychotherapeutischen Praxis (und wie groß darf das Schild an der Eingangstür sein?) und, horribile dictu: Werden Ausbau des Dachgeschosses und Neuinstallation eines Außenaufzugs erlaubt?


Lebenstraum Eigenheim


So fängt das Elend an:
Ein Haus zu kaufen statt zu mieten mehrt das Vermögen. Das klingt logisch. In Wahrheit aber vernichtet die eigene Immobilie Geld, Zeit und sogar Ehen.
Von Michaela Schießl


Als zeitgenössisches Drama ruft so eine Eigentümerversammlung nach einer deutschen Yasmina Reza: Der Kontrast zwischen der sachlichen Petitesse und deren existenziellen Aufladung bringt die Einzelnen an den Rand ihrer emotionalen Duldungsfähigkeit, ist aber in der Anschauung von enormer Komik. Vor allem die wechselnden Koalitionen bei einer typischen Eigentümerversammlung sind interessant. Waren bei der Frage, ob ordinärer Kokosläufer oder poliertes Holz im Treppenhaus, die Matadoren des guten Geschmacks noch beisammen, entzweien sich dieselben dann beim TOP Aufzug ja oder nein.

Vollends geisterhaft kann es für Wohnungseigentümer eines Altbaus in urbaner Lage werden, wenn der Verkauf eines ungenutzten Dachbodens die Gemeinschaft bereichern könnte, dafür aber die Unbill einer jahrelangen Baustelle in Kauf zu nehmen ist. Und will man es im Falle des Verkaufs mit einem Investor (schon dieses Wort ruft heftig divergierende Assoziationen auf) zu tun haben oder mit einer freundlichen Familie, die garantiert nicht weiterverkauft (was ja bedeutete: Man selbst hat Lärm und Dreck ertragen, um für andere Profit zu ermöglichen), deren Zöglinge aber dem Paar im fünften Stock auf den ergrauten Köpfen herumturnen? Hier streiten die Interessen solcher Eigentümer, die im Hause wohnen, mit jenen, die vermieten und an den schönen Hoffesten nicht teilnehmen, dafür aber in beunruhigender Frequenz das Baurecht im Munde führen oder gleich selbst Anwalt sind.

Für die Entfaltung dieses Reichtums von Problemen sorgt die komplizierte Rechtsform der Wohnungseigentümergemeinschaft, die aus ihrer Mitte einen Beirat wählt und eine Hausverwaltung bestellt – beides Versprechen von Demokratie und Delegation, die für unabsehbare Verheerungen sorgen.

Bei der Qualität des deutschen Leitungswassers, hat der verstorbene "FAZ"-Glossist Johannes Gross einmal gesagt, sei es ganz unerfindlich, warum allenthalben noch Pinot grigio ausgeschenkt werde. Bei der Qualität des deutschen Mietrechts, sei ergänzt, ist es ganz unerfindlich, warum Menschen Wohnungen kaufen.

Von Elke Schmitter

aus Spiegel+ vom 27.07.2018

Zurück